Mittwoch, 19. Oktober 2016

Orient und Okzident - Ossis

Schon putzig:
Witze über "Ossis" sind ok, ich hab noch nie von einem Aufschrei über eine übertretete Linie gehört. Ich bin es gewohnt und kann darüber lachen.

Aber man macht keine Witze über Schwarze, Juden, Behinderte, Frauen (ich fühl mich schon bei der Aufzählung unwohl)...

Im großen Ganzen ist das aber alles eine Frage der Geburt. Ob man über entsprechende Witze lachen kann, hängt doch immer vom Selbstbild und der Intention des Witzboldes ab.

Die Ironie bei der Sache ist, dass sich eher (nicht nur!) rechtsorientierte Leute an Vorverurteilungen, die sie betreffen, stoßen. Leute, die den Gedanken der Political Correctness skeptisch gegenüberstehen, würden von ihr profitieren. Schließlich ist dessen Ziel auch, die Mauern in den Köpfen einzureißen.

Sollten wir also nicht lieber darauf achten, wieso wir etwas sagen, denn was wir sagen? Aufeinander zugehen statt immer neue Gräben zu schaufeln?

Könnten wir vielleicht aufhören, chauvinistische Arschlöcher zu sein, die auf Andere und Andersdenkende herabblicken? Den Anderen erst mal kennenlernen, bevor man ihn beurteilt?

Hass kann man jedenfalls nicht mit Hass bekämpfen.

Montag, 21. März 2016

Legal, Illegal, gar nicht egal


Am Wochenende wurde der sogenannte Türkei-Deal verabschiedet, also die Rahmenbedingungen für Flüchtlingsmigration zwischen Türkei und EU gelegt. Zwar gibt es unzählbare Kritikpunkte, dass er gegen geltendes Recht verstößt, dass der Bock Erdogan, welcher selbst gerade Flüchtlinge im Südosten der Türkei schafft, zum Gärtner gemacht wird und dass sich die EU generell zu stark in die Hände eben dieser unkalkulierbaren Türkei begibt.
Doch etwas wurde mit diesem Deal organisiert, was es so noch nicht für die EU gab und was man schon Jahre früher hätte regeln solln: Legale Fluchtwege in die EU.

Wer bisher ohne Visa in die EU wollte, konnte nur über die Küstenregionen illegal einwandern und sich dann laut Dublin-Abkommen als Flüchtling registrieren lassen. Dazu musste man aber erst mal an die Küste kommen. Schon damals füllten Schlepper diese Marktlücke, man erinnere sich an Lampedusa. Schon damals war dieses Prinzip unkontrolliert, entwürdigend und unfair. Da es allerdings keine hohen Wellen schlug und nur die Peripherie Europas betraf, wurde dieses Prinzip nicht in Frage gestellt.

Doch währenddessen wuchsen mafiöse Strukturen an den Einnahmen der Schlepper, ein Geschäftsmodell entstand. Nun liegt es im Interesse dieser Schlepper, dass mehr Menschen ihre kostbaren Dienste in Anspruch nehmen. Um Nachfrage zu wecken, betreibt man in der Regel Marketing. Ich halte es nicht für abwegig, dass die teilweise absurden Vorstellungen, welche man vereinzelt von Flüchtlingen hört (dass man z.B. Haus und Auto in Dtl. geschenkt bekommt), eben von diesen Schleppern erdacht wurden.

Der eigentliche Knackpunkt ist allerdings Folgender: Man stelle sich vor, die Konflikte im Nahen Osten können beigelegt werden und die Migration ebbt entsprechend ab. Die Schleppernetzwerke haben nun allerdings entsprechende Kapazitäten aufgebaut. Im extremsten Fall werden dann die Marketingambitionen auf andere Länder, z.B. in Afrika, gerichtet, um den Bedarf an deren Dienstleistung hoch zu halten. Im Zweifel sorgen aber die EU-Länder mit ihren Handelsabkommen schon selbst für entsprechende Migrationsbewegungen.

Jedenfalls hat der Staat aufgrund dieser Illegalität sich selbst die Möglichkeit genommen, die Migration an einem beliebigen Punkt zu kontrollieren. An dessen Stelle treten illegale Organisationen, welche die Einnahmen z.B. für die Terrorunterstützung verwenden.


Genau dieselbe Kausalität findet man beim Drogenhandel. Statt Betäubungsmittel je nach Stärke wie andere Rauschmittel oder wie Medizin zu (be-)handeln, führt deren Prohibition dazu, dass der Staat jegliche Kontrollmöglichkeit verliert. Der Handel kann nicht versteuert werden und finanziert statt der Gemeinschaft Subjekte bzw. Organisationen mit genug krimineller Energie. Die Nachfrage sinkt keineswegs, aber die Nutzer werden kriminalisiert und am Ende mit ihrer Sucht gesellschaftlich allein gelassen. Der Staat verwendet viel Zeit und Aufwand in Judikative und Exekutive, um Probleme zu bekämpfen, die er selbst geschaffen hat.

Bis heute konnte mir niemand den Sinn hinter derartiger Prohibition schlüssig erklären. Doch beim Thema legaler und illegaler Fluchtwege wurde mir diese Frage noch viel zu selten gestellt!

Donnerstag, 17. März 2016

Too Big (To) Fail

Die vergangene Woche muss sich das Kapital die Hände gerieben haben.



Dass die AfD bei den Landtagswahlen so gut abgeschnitten hat, ist da nur ein Aspekt. Dass ein Volk sich freiwillig durch Rechte selbst entrechtet, ist leider inzwischen ein Treppenwitz der Geschichte. Wer genauer in das Wahlprogramm dieser Partei sieht, liest zwischen den Zeilen unkonkreter Sozialromantik eine neoliberale Agenda: Privatisierung von Krankenhäusern und Arbeitslosenversicherung, Senkung der Steuern für Vielverdiener, Beseitigung von „Wettbewerbshemmnissen“ wie dem Mindestlohn.
Zwar steht der Bundesparteitag noch aus, insofern ist dieses Programm nur bedingt valide, wenn man allerdings den Kader der AfD sowie deren Parteispender betrachtet, kommen starke Zweifel auf, dass diese Partei „Politik fürs Volk“ machen will.



Das weitaus krassere Ereignis ist allerdings die Leitzinssenkung der EZB auf 0%. Das passierte am Donnerstag und war bereits am Freitag nicht mehr in den Nachrichten zu hören. Ein Leitzins von 0% bedeutet allerdings, dass sich Banken nun Geld leihen können, ohne Zinsen dafür bezahlen zu müssen. Richtig, dann spricht man eigentlich nicht mehr von Leihen, sondern von Verschenken!
Im Zuge der Bankenkrise, die inzwischen zur Schuldenkrise umbenannt wurde, haben sich also Banken mit ihrer Zockerei selbst in den Ruin getrieben (nachdem sie jahrelang unvorstellbare Gewinne erwirtschaftet haben). Diese Unsicherheiten haben zu einer Rezession geführt, deren Auswirkungen noch heute sichtbar sind. Als Konsequenz daraus hat man die Banken mit Steuergeldern gerettet, da ein Konkurs bestimmter Banken angeblich zu noch größeren Verwerfungen auf den Märkten geführt hätte. Statt also das reinigende Gewitter durchzustehen, hat man die Lösung des Problems in die Zukunft geschoben. Allerdings kam es bis heute zu keiner konsequenten Regulierung der Banken, inzwischen wird sogar wieder mehr gezockt als noch vor 2008. Also statt die Banken zu bestrafen, hat man sie sogar belohnt. Man hat sie kaum eingeschränkt, schüttet sie allerdings mit Geld voll, in der Hoffnung, dass dieses Geld irgendwann in der Wirtschaft, wohlgemerkt verzinst, ankommt.
Diese Hoffnung hat sich leider nicht bewahrheitet, denn egal wie niedrig die Leitzinsen waren, es kam nicht mehr Geld in Umlauf. Hier kann man gern auf Einsteins Definition von Wahnsinn verweisen. Jedenfalls wird nun einfach noch mehr Geld für Spekulation verwendet. Das ist auch schön an der Entwicklung der Börsenwerte zu sehen, welche sich seit Jahren gänzlich von den realwirtschaftlichen Entwicklungen entkoppelt haben.



Dass diese außerpolitische Entwicklung, welche Auswirkungen für uns alle hat, nicht ausführlich von den Medien begleitet wird, macht skeptisch. Dass das Thema zu sperrig ist, kann ich mir nicht vorstellen.
Was allerdings noch skandalöser ist: Die EZB möchte wohl ihr Mandat nun gänzlich überschreiten und auch Unternehmensanleihen im Falle einer Krise aufkaufen. Wenn nun also ein Konzern in finanzielle Schwierigkeiten kommen würde, spränge die Europäische Zentralbank höchst selbst ein. Jeder Mittelständler, der bei Misserfolg seine Existenz verliert, müsste heulen vor Wut, wenn er so was hört. Aber er wird wohl nicht davon hören.



Natürlich ist Schwarz-Weiß-Denke recht billig und wie man an den derzeitigen Diskussionen um die Flüchtlingsproblematik merkt, sehr gefährlich. Allerdings sollte langsam den Menschen wieder bewusst werden, dass der ursprüngliche Klassenkampf-Gedanke von Arm gegen Reich heute hundert mal extremer ist als noch zu Zeiten von Marx.
Selbst Warren Buffett hat eingestanden, dass der große Kampf unserer Tage kein Religions- oder Kulturkampf ist, sondern der Krieg zwischen Arm und Reich. Jean Ziegler sagt, wenn TTIP durchkommt, werden die Reichen eine unglaublich wichtige Schlacht gewinnen.
Diese Woche wurde auch wieder eine solche Schlacht geschlagen. Nur hat das niemand mitbekommen...

Mittwoch, 17. Februar 2016

Alternativloser Aktionismus

Warum wir heute viel stärkere, international demokratisch legitimierte Institutionen brauchen.

Heutige Krisen sind internationale Krisen. So wie unser Handel und unsere Kommunikation global geworden sind, so verteilen sich bei Krisen ihre Ursachen und Auswirkungen über viele Nationen, wenn nicht alle.
So kann die aktuelle Flüchtlingskrise national gar nicht gelöst werden, ohne einen Ausnahmezustand auszulösen. Man stelle sich nur mal vor, die nationale Scheinlösung namens Obergrenze würde umgesetzt, so müsste man zu deren konsequenten Durchsetzung bewachte Grenzen schaffen. Am Ende gäbe es Tote und Randale.
Dabei können in Europa nur noch die Symptome, nicht aber die Ursachen behandelt werden. Wir verhalten uns wie der arme Retter am Fluss, der ständig Ertrinkende aus dem Wasser holt, aber keine Zeit dafür findet, das Scheusal zu stoppen, dass weiter oben die Leute überhaupt ins Wasser wirft.
Dieses Scheusal muss nicht mal Assad oder Daesch heißen. Nach der Flucht vor der unmittelbaren Lebensgefahr vertreiben andere Geißeln der Menschheit die Massen: Hunger und Perspektivlosigkeit. Doch dagegen ist 2015 noch weniger geschehen als in den Jahren zuvor, obwohl das Leid wuchs.
Vor ein paar Tagen wurde nun triumphal verkündet, dass innerhalb eines Tages auf der UNO-Geberkonferenz so viel Geld wie noch nie gesammelt wurde. Dass diese Summe aber über mehrere Jahre gestreckt ausgezahlt wird und allein für 2016 immer noch nicht den von der UNO gemeldeten Bedarf deckt, wurde in den meisten Berichten gar nicht erwähnt.
Generell war mir die Selbstkritik am westlichen Hegemonialanspruch mit seiner neoliberal-kolonialistischen Agenda und dessen globalen Auswirkungen in der ganzen Debatte viel zu leise. Es gibt bis heute keine medienwirksame Anti-Wachstumsbewegung. Waffenlose Bekämpfung von Terroristen scheint nicht mal ein soziologisches Forschungsgebiet zu sein.
Wir hasten förmlich von Krise zu Krise, um in den Atempausen dazwischen nur noch Trümmer zu beseitigen und Aktionismus beizuwohnen. Langfristige Lösungen, die länger als eine Wahlperiode für Umsetzung und/oder Wirkung brauchen, schaffen es gar nicht mehr in den öffentlichen Diskurs. Wer außerhalb der bekannten Schemata denkt, wird ignoriert, verlacht oder medial totgeprügelt. Am Ende entstehen alternativlos-aktionistische Scheinlösungen, welche die Ursache des Problems nicht mal tangieren.
Das ist wohl einer der Hauptgründe, warum sich ein Teil der Deutschen* in einen unpolitischen Neu-Biedermeier zurückgezogen hat und der andere sich in alle Himmelsrichtungen radikalisiert. Man will auf internationale Vernunft hoffen und bekommt supranationalen Wahnsinn. EU, NATO, UNO, WTO könnten die Welt zu einem gerechteren Ort machen, doch sind sie zu institutionellen Werkzeugen der Mächtigen geworden, um deren Interessen Gewicht zu verleihen.
Sofern überhaupt, sind sie demokratisch so abstrakt legitimiert, dass Manipulation und Einflussnahme kaum Grenzen gesetzt sind. Man muss nur kratzen, um hinter der Fassade des Gemeinwohls die Vertreterfüllung von Einzelinteressen freizulegen.
Diese internationalen Missstände lassen sich aber nicht im Nationalen beseitigen, ohne deren Opfer zu werden. Gerade deshalb hoffe ich, dass aus DiEM25 mehr wird als eine gute PR-Aktion.

*wohl auch allgemein auf Europäer übertragbar

Mittwoch, 27. Januar 2016

Internationale Parade der Rüstungsspirale

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Verteidigungsministerin Von der Leyen plant in den nächsten 15 Jahren 130 Milliarden Euro für die Modernisierung der Bundeswehr auszugeben. Das wären dann jährlich 8,6 Milliarden Euro. Ansich schon ein stattliches Sümmchen, wenn man es allerdings ins Verhältnis setzt, wird es richtiggehend skandalös.

Im Bundeshaushalt 2015 beträgt der Wehretat fast 33 Milliarden Euro, womit er einen der größten Posten darstellt. Davon deckt fast die Hälfte die Personalkosten, der Rest ist quasi für Operation, Instandhaltung und Neubeschaffung.

Natürlich ist Militärgerät teuer, aber wie ist zu erklären, dass bei derart hohen Summen die Bundeswehr in solch desolaten Zustand ist?

Doch statt in Zeiten hybrider und asymmetrischer Kriege die Armee gesundzuschrumpfen, soll nun investiert werden. In Militärgerät, deren Hauptzweck die Zerstörung anderer Geräte ist. Die außer als Konjunkturprogramm für unsere Rüstungsindustrie keinerlei nachhaltigen Effekt für die Gesellschaft bringen.

Es wird bei Lohn- und Konzernfragen immer auf unsere Wettbewerbsfähigkeit verwiesen, aber nichts in Sachen Infrastruktur oder Wohnungsbau getan. Unser wichtigstes Kapital, unsere Bildung, ist im Bundeshaushalt mit etwas mehr als 15 Milliarden Euro gedeckt. Doch statt hier eine signifikante Erhöhung zu wagen, die vielleicht unseren Wettbewerbsvorteil noch auf ein paar Jährchen sichern könnte, gibt man das Geld für etwas aus, dass man nie einsetzen möchte.

Ernsthaft, was soll das nützen?
Ist die NATO bedroht? Würde man die Verteidigungsetats aller Nicht-NATO-Staaten zusammenzählen, käme man kaum über den Verteidigungsetat allein der USA.
Soll Russland über ein erneutes Wettrüsten in die Knie gezwungen, gar destabilisiert werden? Tolle Idee, einen Failed State mit Atomwaffenarsenal hatten wir noch nicht.
Soll der internationale Terror mit Panzern und Flugzeugträgern bekämpft werden? Der Krieg gegen den Terror wird trotz seiner einzigartigen Erfolgsgeschichte nicht in naher Zukunft enden...

Bitte helft mir, irgendwas muss ich übersehen oder verpasst haben, dass unsere Regierung die Budgeterhöhung so unisono zu akzeptieren scheint. Oder ist die Welt doch einfach verrückt geworden?

Montag, 24. August 2015

Die neue Völkerwanderung

Heute früh hörte ich im Radio diesen Begriff, dass wir vor "einer neuen Völkerwanderung" stehen.

Der Begriff hat mich nicht losgelassen. Tatsächlich stehen wir vor einer Epoche mit Menschenwanderungen unbekannten Ausmaßes.

Dabei lässt sich die Kausalität leicht ergründen: Das Handy ist zum wichtigsten Werkzeug des Bauern der dritten Welt geworden. Mit dem Handy wird das Internet Bestandteil des Alltags. Während sich bis dahin die potenziellen Erfahrungen auf die eigenen und Geschichten anderer beschränkten, kann nun jeder zumindest einen Eindruck davon bekommen, wie das Leben in anderen Regionen der Erde ist.
Diese Kostprobe eines besseren Lebens lässt einen natürlich nicht die Heimat verlassen. Wenn allerdings der eigene Acker von Agrarkonzernen aufgekauft bzw. abgenommen wird (Stichwort Landgrabbing), das Wasser nicht mehr fließt (Stichwort Stete Verknappung der Süßwasserressourcen) oder einfach nicht von seinen Erzeugnissen leben kann (Stichworte Freihandelsabkommen und EU-Agrarsubventionen), schweift der Blick in die Ferne. Dazu muss nicht mal Bürgerkrieg im Land herrschen.
Das ist keine Gier nach einem besseren Leben, dass ist das Klammern an einem Strohhalm zum Überleben.

Europa als sicherer Wohlstandshafen ist nicht nur (ein) Ziel dieser Wanderung, es trägt als Hort der größten Weltkonzerne wie Nestlé auch dazu bei, dass immer mehr Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren. Manche Freihandelsabkommen zwischen der EU und einzelnen Dritte-Welt-Ländern lassen eine normale wirtschaftliche Entwicklung der Länder gar nicht zu. Die Abkommen dienen schlussendlich nur der Erhaltung eines potenziellen Marktes für die Global Player.

Und was tut die EU, um den wachsenden Flüchtlingszahlen begegnen zu können?
Erneuerung des Dublinabkommens, um über einen Schlüssel die Flüchtlinge gerecht zu verteilen? Fehlanzeige.
Einführung eines gemeinsamen Asylverfahrens, zumindest im Schengen-Raum, damit es allgemein gerechter zugeht? Nicht in Arbeit.
Bau von Flüchtlingseinrichtungen mit Hilfe des aufgeblasenen spanischen Bausektors und den aufgeblähten EU-Fördertöpfen? Viel zu wenig.

Nein, die EU baut einen Zaun ans Mittelmeer, welcher der DDR-Grenze zur Ehre gereicht hätte. Dass sich von einem Zaun niemand aufhalten lässt, der alles zurückgelassen und über tausende Kilometer sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, scheint unseren oberen Lenkern nicht einzuleuchten. Empathie war allerdings noch nie deren Stärke.
Menschen stehen nicht im Mittelpunkt der EU-Interessen, sie haben keine Lobby.

Und in Deutschland? Da schwadroniert der Innenminister von sicheren Herkunftsländern und Sachleistungen, während inzwischen täglich (!) Anschläge auf Flüchtlingsheime verübt werden. Interessanterweise wird das übrigens bisher nicht als Terror bezeichnet, obwohl das Wort sonst bei jeder Gelegenheit verwendet wird. Dabei ist das, was derzeit wieder in Deutschland abläuft, Terror, die "systematische Verbreitung von Angst und Schrecken".

Man hat den Balkan quasi die letzten 15 Jahre sich selbst überlassen, keine Aufbauhilfe oder ähnliches gegönnt. Bisher war es eine naheliegende, billige verlängerte Werkbank. Im Kosovo sind noch Blauhelme unterwegs, wie kann das also ein sicheres Herkunftsland sein? Eigentlich hätte man nach dem Kalten Krieg begreifen sollen, dass man nach einer militärischen Intervention den Staat auch wieder aufbauen muss. Das wurde weder in Jugoslawiens Nachfolgestaaten noch in Lybien getan. Das langfristige Ergebnis sehen wir in der europäischen Peripherie.

Und die Debatte über sichere Herkunfsländer sorgt dafür, dass sich Kosovo-Albaner und Marokkaner in den Flüchtlingsheimen an die Gurgel gehen, weil der eine dem anderen vermeintlich den Platz weg nimmt.

Ein Mensch ohne Perspektive verliert jeden Tag ein Stück seiner Menschlichkeit

Wir haben die Ellenbogengesellschaft auf nationaler Ebene in die Welt getragen, nun müssen wir diese Entwicklung zurückdrehen oder mit den Folgen leben.


Erst, wenn wir begriffen haben, dass unser auf unbegrenztes Wachstum basierendes Wirtschaftssystem keinen Platz auf einem begrenzten Planeten hat, haben wir die Chance, eine globale Gesellschaft aufzubauen, wo jeder im Wohlstand leben kann.

Dazu braucht es nur ein anderes Bild von Wohlstand!

Montag, 17. August 2015

Die Schizophrenie der Rechten

Was ist nur passiert? Vor fünf Jahren wurde noch über die Regulierungseskapaden der EU diskutiert und inwiefern in einzelnen Ländern der Abbau des Sozialstaats das Wachstum fördern soll.

Heute wird ungeniert gehetzt, Sprüche im Ton von "Ausländer raus" findet man nicht in kleinen verschworenen Gruppen, sondern findet man in allen öffentlichen Ecken der sozialen Medien, wo sie sogar entsprechenden Zuspruch finden.

War es vielleicht Sarrazin und anschließend PEGIDA, welche schwelende Feuer erst auflodern ließen? Wäre das gesellschaftliche Klima ein anderes, hätten die genannten Brandstifter nicht die entsprechende mediale Aufmerksamkeit bekommen?

Vielleicht, irgendjemand hätte aber sowieso eine Debatte zum Integrationsdilemma angestoßen. Doch ohne vernünftige Diskussionskultur bildet sich keine akzeptable Mehrheitsmeinung, sondern ein dividierendes Schwarz-Weiß: "Migrationsskeptiker" sind alles Rassisten und "Gutmenschen" verblendete Optimisten. Diesen Eindruck bekommt man. Dass die Wahrheit irgendwo im Grau liegt und Menschen nun mal einfach Menschen, mit all ihren Stärken, Schwächen und Ängsten, sind, wird scheinbar nicht mehr gesehen. Die Gegenseite treibt es immer so extrem, dass unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert wird.

Rassisten wird es immer geben. Der Mensch verspürt evolutionsbedingt Unsicherheit bei Sachen, die ihm fremd sind. Wer also nicht viel kennt, hat vor vielen Dingen Angst.
Zum Problem wird das allerdings nur, wenn sich Leute in ihrer Unwissenheit gegenseitig wieder Sicherheit geben können, sich bestärken und das Gefühl vermitteln, das Richtige zu tun.

Aktuell ist das hauptsächlich das Schüren von Hass.

Man sollte meinen, dass Hass als Gefühl in einer zivilisierten Gesellschaft nichts mehr zu suchen hat, erst recht nicht als verbreitete Grundstimmung. Hass gegen eine ganze Bevölkerungsgruppe hat vor 80 Jahren dafür gesorgt, dass der Zerstörung Europas der Weg bereitet wurde.

Was treibt die Menschen also zum Hass? Angst um die eigene Existenz? Neid auf das sorgenlosere Leben anderer? Sorge um das Fortbestehen der eigenen Kultur?

Dem Pakistani von nebenan wird es herzlich egal sein, welche Weihnachtslieder wir singen oder was in so einem Schützenverein getrieben wird. Wieso sollten wir also unsere kulturelle Identität aufgrund von "Überfremdung" verlieren?
Wenn der Weihnachtsmarkt in Wintermarkt umbenannt wird, war das übrigens nicht der böse Ausländer, sondern, ja ich nehme jetzt dieses Wort, Gutmenschen, die kulturelle Rücksichtnahme falsch verstanden haben. Aber darüber kann man zivilisiert reden, dafür muss kein Flüchtlingsheim brennen und kein Politiker bedroht werden.

Ein anderes Argument, dass ich in letzter Zeit ständig lese, vor allem aus konservativ angehauchten Kreisen, ist folgender Satz: "Wenn Kitas und Straßen so schnell gebaut würden wie Asylbewerberheime, dann wäre ich zufrieden." Abgesehen davon, dass ich keine Kita haben will, die den Qualitätsstandards eines Asylbewerberheims gleicht, ist auf den ersten Blick nichts gegen dieses Argument zu sagen.
Dann sollte man sich aber bitte vor Augen halten, dass die konservative CDU mit ihrer seit Jahrzehnten wirtschaftshörigen Politik großen Anteil an der jetzigen desaströsen Situation hat. Stattdessen schimpft man lieber auf die elenden Linken, als ob sie für die Flüchtlingsströme verantwortlich wären, die sowieso in unser Land kommen werden. Konsequente linke Politik hätte es gar nicht so weit kommen lassen, dass der komplette Mittelmeerraum verelendet.
Unsere Gesellschaft hätte auch nicht die Ellbogen ausgefahren, damit nur die Stärksten ein sorgenfreies Leben haben können.

Doch das scheint dem kleinen, rechten Mann nicht einzuleuchten. Die Linke ist nun mal ein Schreckgespenst der Reichen. Und da diese Reichen die Meinungsbildung quasi in der Hand haben, hat der Normalo-Michl Angst vor den Linken, obwohl sie in seinem Sinn handeln könnten.

Kleiner Nachdenkhappen zum Schluss: Würden für Asylbewerber 5,1 Milliarden Euro in einem Jahr ausgegeben, würden in Deutschland wieder Rathäuser brennen. Doch wenn man den Leuten vorrechnet, dass aufgrund von Öffentlich-privater Partnerschaften die Sanierung von sechs Autobahnteilstücken den Staat allein 2014 5,1 Milliarden Euro mehr gekostet hat, verglichen zu den Kosten der staatseigenen Autobahnmeistereien, gibt es keinen Aufschrei. Entweder weil die Leute es nicht wissen oder nicht verstehen können oder wollen.

Wie viel 5,1 Milliarden Euro in der Bildung oder bei den Kommunen bewegen könnten, muss man wohl nicht extra erklären. Wenn schon, dann sollten wegen solcher Skandale Gebäude brennen. Nicht, wenn der Staat versucht, Menschen in Not ein Existenzminimum zu stellen.